Der Weg zur „Fürstin-Montecuccoli-Orgel“ (Sauer-Orgel op. 2277)

Seit Mai 2008 haben wir uns die Erhaltung eines der letzten größeren Orgelwerke St. Pöltens der Spätromantik (sie wurde 1904 vom Kremser Orgelbauer F. Capek I. mit 20 klingenden Registern erbaut und 1939 um drei Register erweitert) zum Ziel gesetzt.
Diese Orgel stand bis Jänner 2011 in der nahegelegenen Franziskanerkirche. Leider mußte das herrliche spätbarocke Orgelgehäuse in der Franziskanerkirche bleiben.

Trotz leerer Kassen haben wir uns an dieses große Projekt gewagt. Stimmig zum grundtönig sanften Klangbild des bereits vorhandenen Orgelwerks soll die “neue” Orgel der Rektoratskirche vorerst 17 zusätzliche Register nebst einem Schweller für das II. Manual erhalten. Ein neuer Spieltisch ist zusätzlich bereits für ein drittes Manual ausgelegt.
Damit wird organisch an Klangfülle ergänzt, was dem handwerklich soliden Grundbestand bisher fehlte. Sowohl die Qualität der alten Windladen als auch die Qualität der Holz- und Metallpfeifen ist nahezu schadlos. Auch die elektropneumatische Traktur und ihre typische Tonansprache wird unverändert übernommen.
Diese Orgel – sie wird mit ihren 40 klingenden Registern (+ 1 Transmission) und ihren ca. 2750 Pfeifen eine der großen in St. Pölten sein – soll ein an Klangfarben abwechslungsreiches und an dynamischer Steigerungsfähigkeit weites Orgelspiel ermöglichen. Um kein Prestigeprojekt handelt es sich, sondern um ein Zeichen der wertschätzenden und großzügigen Liebe zur Kirchenorgel und Kirchenmusik, damit aber auch unseres Opfersinnes für das Gotteshaus und die Liturgie, zu dessen Beitrag diese Orgel zählen soll.

Unsere bisherige Orgel (1938 – 2010)
Die bisherige Orgel der Prandtauerkirche, eine ursprünglich einmanualige Dorforgel, die im Jahr 1938 aus der damals wegen der Errichtung des Truppenübungsplatzes abgerissenen Kirche von Großpoppen in die Prandtauerkirche verbracht, wurde Mitte der 70er Jahre von Prof. Mertin um ein zweites Manual auf 13 Register erweitert. Allerdings müssen diese Maßnahmen aus heutiger Sicht als orgelbauerischer Irrweg bezeichnet werden. Mittlerweile stellten sich, abgesehen vom schreienden Klang auch gröbere Defekte in der Mechanik ein, sodaß bei einer Überholung der bestehenden Orgel mit Kosten von nahezu 80.000 Euro zu rechnen gewesen wären, ohne daß allerdings der Klangwert der Orgel verbessert gewesen wäre. Zudem verschwand sie optisch in einer Seitennische der Empore und thronte alles andere als auf ihrem gehörigen Platz.
Der Ersatz der bestehenden Orgel durch ein neues Orgelgehäuse, das die gesamte Emporenfläche ausfüllt, kommt somit auch der ansonsten eher kahlen Inneneinrichtung der Kirche zugute.

Bisher schon Erreichtes
Im Rahmen der umfaßenden Innenrestaurierung der Kirche im Jahr 2010 wurde die bisherige Orgel vom zukünftigen Besitzer abgebaut.

Sodann wurde der Emporenboden durch Eisenträger für die neue Last vorbereitet.

Im November 2010 wurde vom damalig bestellten Orgelbauer der Rahmen des neuen zweiteiligen Orgelgehäuses aus Tannenholz aufgestellt. Unser neues Orgelgehäuse soll edle und klassische Formen haben, die dem Orgeltyp und der Architektur unserer Kirche entspricht.

Im Jänner 2011 wurde dann die Orgel in der Franziskanerkirche abgebaut und das Orgelwerk in der Krypta unserer Kirche vorläufig gelagert, da das Orgelgehäuse damals für den Einbau leider noch gar nicht fertig war.

Im März 2011 wurde mit dem BDA die endgültige Farbfassung des Gehäuses beraten und entschieden. Der Kremser Vergoldermeister und Restaurator Markus Bauer fertigte die edle und geschmackvolle Farbfassung und die Zierelemente an. Erst ab Frühherbst wurde der Altbestand aus der Franziskanerkirche bis zum Oktober 2012 endlich eingebaut und konnte dann von einem gebraucht angeschafften Spieltisch aus zum ersten Mal am 7. Oktober 2012 im Rahmen eines kleinen Orgelfestes erklingen. Im Juni 2013 war mit dem Orgelbauer jedoch die endgültige Fertigstellung (samt Ausbau) vereinbart worden.

Es kam dann leider zu schwerwiegenden Diskrepanzen mit dem bisher bestellten Orgelbauer (Fa. Hartig), da zunächst, ohne Vorwarnung, erhebliche finanzielle Zusatzforderungen für die bereits geleisteten Arbeiten erhoben wurden. Sodann traten bald Mängel und Ausfälle an den gemachten Arbeiten auf. Der Zustand am Spieltisch und am Orgelgehäuse blieb ebenso unfertig, wie auch die bestellte Ausbaustufe unerledigt blieb. Zudem zeigten sich offensichtliche Planungsfehler, die eine Realisierung im gewünschten Ausmaß und vor allem hinsichtlich des Schwellwerkes ernsthaft gefährdeten. Aus all diesen Gründen kam es dann im September 2013 zur einvernehmlichen Vertragsauflösung zwischen Diözese und Orgelbauer.

Bereits im Juli 2013 baute die renommierte deutsche Firma Wilhelm Sauer Orgelbau Frankfurt (Oder) GmbH kostengünstig und zu unserer vollsten Zufriedenheit das tragende Grundregister Prinzipal 16′ in die Seitennische der Empore zu, das voll ausgebaut im ersten Manual plaziert wurde, aber auch als Pedalregister transmittiert werden kann. Neunzehn der insgesamt sechsundfünfzig, bis zu zirka sieben Meter langen Orgelpfeifen (Zink/Zinn) waren ursprünglich Prospektpfeifen der Wiener Votivkirche (aus dem Jahr 1923), die wir günstig erwerben konnten und die dann von der Fa. Sauer bestens restauriert wurden.

Ab Ende Oktober bis Mitte Dezember 2013 wurde von vier Mitarbeitern der Firma W. Sauer Orgelbau zunächst der technische Teil der Arbeiten am rechten Orgelturm (I. Manual) ausgeführt.

Die gesamte Elektrik wurde stabilisert, teilweise erneuert und verbessert. Das Pfeifenwerk des I. Manuals und des Pedals wurde gründlich überholt und die Metallpfeifen teilweise gekröpft, um platzmäßig ins Gehäuse zu passen.
Die bisher fehlenden oder fehlerhaften Gehäuseteile wurden ergänzt oder ersetzt. Die Windsituation maßgeblich verbessert. Die zahlreichen Risse in den alten Windladen wurden endlich behoben. Die eingesetzten Plastikschläuche (keine Übertreibung!) des Vorgängers wurden durch die auch orginal vorhandenen Bleirohre wieder ausgetauscht.

Mit dem Einbau der neuen Windlade im rechten Orgelturm (I. Manual) wurde der erste Erweiterungsabschnitt von sechs Registern (neben dem bereits vorher gefertigten Prinzipal 16′) begonnen. Da können einem wirklich die Tränen kommen, wenn man zum ersten Mal die exzellent gefertigten neuen Pfeifen auf der Windlade stehen sieht und dann, nach der meisterhaften Intonation der Herren Ullmann und Miethe, auch hören kann. Nach diesem Klangerlebnis, wo alt und neu völlig harmonisch zusammen passen, weiß man: Meister sind nun am Werk, die Mühen und Kosten haben sich wirklich gelohnt!

Fertigstellung des Bauabschnitts und feierliche Orgelweihe
In der Osteroktav 2014 waren die Pedalzubauten, der Schwellkasten und das zweite Manual an der Reihe. In bemessener Zeit, sechs Wochen waren dafür vorgesehen, konnte die Firma W. Sauer die Arbeiten zur vollsten Zufriedenheit ausführen. Die technischen Arbeiten für das Schwellwerk waren – bedingt durch die Fehlplanung des Vorgängers – schwierig und brachten doch ein gutes, vollauf zufriedenstellendes Ergebnis, das aber als aufwendig zu bezeichnen ist und das der Fa. Sauer alle Ehre einträgt. Die Lamellen des Schwellkasten befinden sich nicht wie üblich zum Prospekt zu, sondern seitlich links und rechts des Orgelgehäuses und dann auch, unsichtbar für den Betrachter, oben in den beiden Turmbekrönungen.
Die Erweiterungen für das Pedal gelangten hinter das Orgelgehäuse zur Aufstellung, wobei für die neuen Zungenstimmen des Pedals ein halbwegs bequemer Zutritt vorhanden war. Die neue Windlade für das II. Manual wurde mittels eines Gerüstes emporgeschafft und eingebaut, Pfeifen wurden gekröpft, die Windversorgung durchgesehen und die Windkanäle zugebaut, die Elektrik wurde fachkundig instand gesetzt und fehlerlos in Gebrauch gesetzt.
Nach einer feinen, fachkundigen und zeitlich ausreichenden Intonation durch Herrn Matthias Ullmann, der dem ganzen Werk eine romantische Seele gab, konnte der Tag der Orgelweihe endlich kommen.
Am 30. August 2014 weihte dann Bischof DDr. Klaus Küng die neue Orgel der Rektoratskirche feierlich im Rahmen einer Vesper mit sakramentalem Segen ein. Sie wird der großen freigebigen Stifterin des St. Pöltner Karmelitinnenklosters, somit auch der heutigen Rektoratskirche, Maria Antonia Josepha Montecuccoli (1672-1738) und allen nachfolgenden Wohltätern der Rektoratskirche gewidmet.
Das erste Orgelstück nach der Weihe spielte unser Organist, Herr Dipl. theol. Markus Heinel, es war die Choralimprovisation zu “Nun danket alle Gott” von S. Karg-Elert, mit der die ganze Klangfülle der Orgel vorgestellt wurde. Die anschließende konzertante Vorstellung der Orgel vollzog der Kirchenmusikreferent der Diözese St. Pölten Mag. Johann Simon Kreuzpointner, der Werke von J. S. Bach, M. Reger und L. Boëllmann auf der romantischen Orgel bravourös zu Gehör brachte.

Endlich am Ziel
Als Zwischenschritt wurde der Bauzustand von 2014 verstanden, da Wesentliches für die Klangfülle einer romantischen Orchesterorgel, insbesondere für eine adäquate Klangwirkung des Pedals noch fehlte. Aber zuvor musste ein neuer Spieltisch angeschafft werden, der den klanglichen Möglichkeiten der Gesamtorgel entsprach. Da in der Zwischenzeit die zu immer größerer Beliebtheit angewachsenen Konzertangebote, u.a. auch mit der Wiedergabe „orgelfremder“ Musikgattungen der Unterhaltungsmusik bis hin zur Rock-Musik der 70er Jahre, die Kassen füllten, aber auch großzügige Spenden eintrafen, konnte an die Fertigstellung der Orgel gedacht werden.
Im Jahr 2019 wurde der neue elektrische Spieltisch angekauft. Ausgestattet mit einer elektronischen Setzeranlage, aber auch mit herkömmlichen freien Kombinationen, einem Registercrescendo (Walze) und zwei Schwelltritten für das 2. und 3. Manual waren wir so gerüstet für den Endausbau.

Im Augst 2020 war es dann soweit. Bis zu sechs Mitarbeiter der Orgelbaufirma Wilhelm Sauer füllten die rechte Seitennische der Empore, ca. 7 m hoch, mit drei Etagen aus, um dort 2 massive Windladen und zuoberst das Glockenspiel einzubauen Gesamtgewicht ca. 6 t).

Beindruckt waren wir von der Präzision der Planung dieses Orgelteils durch Herrn OBM Thomas Lang, wo jeder cm genau passte, aber auch von der handwerklichen Qualität der einzelnen Bauteile, der neugefertigten pneumatischen Kegellade, der Holz- und Metallpfeifen, die, bis auf die Zungenpfeifen, in der eigenen Werkstatt z. T. mit anspruchsvollen Schlaufen gefertigt wurden, und der Schwelleranlage mit ihrer grandiosen Wirkung. Die Bauform der Pfeifen, die dem Firmenarchiv entnommen worden war, entsprach der großen Sauer-Orgel des Berliner Doms.

Der international (u.a. auch im Leipziger Gewandhaus) tätige und gerade für diesen Orgeltyp äußerst versierte Intonateur Matthias Ullmann verlieh schließlich dieser Orgel durch seine Intonation und Gesamtstimmung die musikalische Seele.

Prinzipale, Flöten und für heutige Verhältnisse bemerkenswert viele Streicher prägen neben einigen wenigen Zungen den Klang unserer Orgel. Eine Reihe von Aliquoten und verschieden gearteten gemischten Stimmen verleihen diesem festlichen Glanz. An der satten Grundtönigkeit wurde, wie es sich von selbst versteht, festgehalten. Das mächtige Plenum berührt die Seele ebenso wie das säuselnde Streichen mystischer Zurückhaltung. Aber nicht Sache von Beschreibungen ist dieses Orgelwerk, sondern dem Hören offenbart es sich. Darum seien alle herzlich eingeladen, die Orgel bei den Gottesdiensten und Konzerten zu hören.

Disposition der „Fürstin-Montecuccoli-Orgel“ (2020)
III/P, 63 Register (davon 8 Transmission) + Zimbelstern, +Glockenspiel
Disposition (Nummerierung und Auflistung entspricht nicht der derzeitigen Spieltischnomenklatur)

Normalkoppeln:
II-I, III-I, III-II, III-P, II-P, I-P

Oktavkoppeln:
II16‘-I, III16‘-I, III4‘-I, II16‘, III4‘-II, III16‘, III4‘

2 Freie Kombinationen und Setzeranlage

Instandsetzung des Altbestands von Franz Capek (1904). Erweiterung und Fertigstellung: W. Sauer Orgelbau Frankfurt (Oder) GmbH, op. 2277.
Intonation: M. Ullmann

Weiterer Steckbrief der Orgel
Altbestand 23 Register; Erweiterung 33 Register (+ 7 Transmission, +Glockenspiel, +Zimbelstern)
Längste Pfeife: Prinzipal 16‘ Ton C – 5,23 m Länge
Kürzeste Pfeife: Mixtur 5fach Ton g3 vom 11/3’-Chor – 17mm Länge

Tonumfang:

Altbestand Manuale C-f”’ (54 Töne), Pedal C-d’ (27 Töne)
Erweiterung Manuale C-g”’ (56 Töne), Pedal C-f’ (30 Töne incl. Violon 16′ aus dem Altbestand)

Pfeifenbestand:

klingende Pfeifen gesamt – 3801 Stck.
klingende Pfeifen Altbestand – 1386 Stck.
klingende Pfeifen neu – 2415 Stck.

Höhe der Orgel (III. Manual): 7,64 m
Breite eines Gehäusesturms (SW + HW spiegelgleich): 3,35 m
Windladen Altbestand: 6 Stck. – I. Manual (Baß- + Disk.-Lade), II. Manual (Baß- + Disk.-Lade), Pedal C + CS
Windladen neu: 6 Stck. – I. Manual, II. Manual, III. Manual, Pedal C + CS
3 Orgelmotoren
6 Bälge – I. Manual, II. Manual, III. Manual, Prinzipal 16‘, Pedal 2 Stck.
3 Tremulanten – II. Manual, III. Manual, Pedal
Schwellerjalousien: 72 Stck., verteilt auf 10 Schwellerrahmen
Neuer IIImanualiger Spieltisch
Stimmtonhöhe: 440 Hz bei 21°C

Wir bitten um Ihre Spende!

Spendeneinzahlungen für die neue Orgel bitte an:
Förderverein Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel
IBAN AT091502100531132850, BIC OBKLAT2L

Möge Gott alle Wohltätigkeit reichlich segnen!

Zur Weihe der neuen “Fürstin-Montecuccoli-Orgel” ist eine ausführliche und informative Orgelfestschrift (78 Seiten) zum Preis von 10 Euro erschienen.

Mit dem Kauf der Orgelfestschrift unterstützen Sie ebenfalls das Orgelprojekt der Prandtauerkirche!
Bestellungen bitte an

Kirchenrektorat Prandtauerkirche
Domplatz 1
3100 St. Pölten

oder: r.knittel@kirche.at